Abschied vom singenden Schnabel: „Pfüat di, Hansl, fesch is’s gwen“
Bericht von Klaus Huber in den OÖ Nachrichten vom 18. April 2013
Pfüat di, Hansl, fesch is’s gwen“, sagt der Mann mit dem Vogelkäfig und öffnet das Türl. Der „Schnabel“ (Kreuzschnabel) wendet den Kopf hin und her, hockt noch kurz auf einem Ast, singt sein „tsip tsip“ in den Lärchenwald hinein. Dann fliegt er weg.
So endet die ein halbes Jahr währende Beziehung zwischen Mensch und Vogel. Der gesellige Kreuzschnabel, der zutrauliche Gimpel, der lebhafte Zeisig und der bunte Stieglitz haben die kalte Jahreszeit in einer geräumigen Voliere verbracht. Bis 10. April müssen sie frei gelassen werden, bestimmt das Oö. Naturschutzgesetz. Dieses Brauchtum ist streng geregelt. Jeder der rund 550 lizenzierten Vogelfänger durfte nur vier im Herbst gefangene Vögel in Volieren überwintern lassen, einen von jeder Art. Die einstige „Jagd des kleinen Mannes“ ist trotzdem ein Streitthema. Von Gegnern als Tierquäler beschimpft, sehen sie sich selbst als Vogelfreunde: „Die Vögel sind zu Gast in unseren Häusern. Einen Gast bewirtet man aufs Beste, bevor man ihn verabschiedet“, sagt Verbandsobmann Alfred Riezinger. „Statt einen exotischen Vogel zu kaufen, fange ich lieber einen heimischen, beobachte ihn, lerne ihn kennen und lasse ihn im Frühling wieder aus.“ Mit etwas Wehmut, dennoch Freude: Der Vogel ist gesund und kräftig, kann ein Brutrevier besetzen und sich wieder ein Weibchen suchen. „Zum Glück hab ich’s nie erlebt, dass sofort ein Raubvogel gekommen ist“, sagt Riezinger. Krähen, Eichelhäher, Elstern, Sperber – Singvögel haben viele natürliche Todfeinde.
Als Journalist hatte ich mich dem umstrittenen Brauchtum vor Jahren ohne Vorurteil genähert. Beobachtete, anfangs wachsam beäugt, dann still geduldet. Ich hätte sie gnadenlos verrissen, die Vogelfänger, wenn ich zu einer negativen Beurteilung gelangt wäre. Doch ich habe Menschen kennengelernt, die für Vögel so tiefe Zuneigung empfinden wie andere für das Familienmitglied Hund. Sie reden mit ihnen, pflegen sie, widmen ihnen viel Zeit: „Gut zwei Stunden jeden Tag“, sagt der Goiserer Roland Klackl, einer der „Beriga Pascher“, dessen kraftvoll zupackende Hände zum Hansl so zärtlich sein können.
Klaus Huber